Das Modell der Multiperspektivität

von Marco Peinelt - Job & Karriere Coach

Los geht's

Allgemeines

26% der Berufsausbildungsverträge werden gelöst und ein Drittel der Studierenden exmatrikulieren sich. Das sind besorgniserregende Zahlen. Die häufigsten Gründe von Ausbildungsabbrüchen sind Konflikte am Arbeitsplatz, gefolgt von falschen Erwartungen an den Beruf und Überforderung in der Berufsschule. Zwei Aspekte werden hier deutlich; die fehlende Ausbildungsreife und eine oberflächlich, wenn überhaupt, durchgeführte berufliche Orientierung. Weiterhin brechen 38,7% Auszubildende ohne einen Schulabschluss, 38,2% Hauptschüler, 23,3% mit Mittlerem Schulabschluss und 15% Abiturienten, Ausbildungen ab.

Somit wäre es präventiv bei niedrigen Schulabschlüssen, diese zu erhöhen oder erst einmal zu erlangen. Bei Studienabbrechern sind es meist falsche Erwartungen an den Studiengang und besonders bei technischen und mathematischen Studiengängen, die Überforderung der Studenten. Gepaart mit der Senkung des allgemeinen Bildungsniveaus und immer mehr Schülern, welche die Schule ohne Schulabschluss verlassen sowie der Verschwendung von Ressourcen, wenn Schüler sich mit niedrigen Schulabschlüssen zufrieden geben oder Abiturienten Ausbildungen unter dem Niveau der Hochschulreife antreten oder junge Menschen überhaupt keine Ausbildung oder Studium antreten, entsteht ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden.

5% der Schüler in Deutschland und 10% der Schüler in Berlin verlassen die Schule ohne einen Abschluss. 15% der 20-29-jährigen haben in Berlin keine abgeschlossene Berufsausbildung oder Studienabschluss. Im Gegenzug sind in Berlin 30% der ausbildendungswilligen Betriebe ohne Auszubildende. Das vorhandene Potenzial wird nicht oder zu spät genutzt. Auch ist der Tertiär II Bereich quantitativ und qualitativ nicht in der Lage, Versäumnisse der vorangegangen Bildungssektoren, zu kompensieren. Ebenso wichtig ist eine berufliche Orientierung bei Wechseln von Tätigkeitsfeldern.

Auch hier wird teilweise oberflächlich orientiert und am Bedarf vorbei qualifiziert, bzw. passt das Verhältnis von Absolventen (Umschülern) nicht zum Bedarf am Markt. Eine gezielte, effektive berufliche Orientierung, unter Betrachtung verschiedener Perspektiven, kann dem entgegenwirken. Des Weiteren werden wahrscheinlich in den nächsten Jahren geringqualifizierte Jobs weniger werden, sodass der Tertiär II - Bereich eine wichtigerer Rolle einnehmen wird, als das heute der Fall ist. Auch hierbei ist eine berufliche Orientierung entscheidend und richtungsweisend. Es werden im Modell der Multiperspektivität zur beruflichen Orientierung 4 Perspektiven betrachtet. Die Inta-, die Inter-, die systemische und die Zukunftsperspektive.

Intra-Perspektive

Aus dieser Perspektive betrachtet, geht es darum sich selbst und die beruflichen Möglichkeiten kennen zu lernen. Wenn beides bewusst ist, kann geschaut werden, welcher Beruf, welche Tätigkeit zum eigenen Wertesystem und den Interessen passt. Durch Wertearbeit, den Schulz von Thunschen Modellen, diversen Stärkenchecks, Selbstbild-Fremdbild, biographischen Interview usw. wird methodisch die Selbstkenntnis erhoben.

Die beruflichen Möglichkeiten werden durch Literatur und Internetplattformen recherchiert. Hierbei geht es um das Weiten, also viele Möglichkeiten, auch unbekannte, sollen zur Debatte stehen. Dabei ist es wichtig seine latenten Prägungen auszublenden, also Meinungen von externen Personen und Medien zwar wahrzunehmen, aber nicht als primäre Einflussgrößen zur seiner Entscheidungsfindung zu verwenden. Vielmehr ist es wichtig die gewonnen Erkenntnisse über sich selbst als Aspekte zur Entscheidungsfindung heranzuziehen. Bei den vielen Möglichkeiten, berufliche Wege zu gehen, haben einige Entscheidungsschwierigkeiten, manche sogar Angst.

Der Mensch strebt nach Sicherheit und Planbarkeit, im Gegenzug auch nach Abwechslung und Herausforderung. Dadurch ist Entwicklung möglich. Menschen sind von Natur aus neugierig, neigen in heutigen gesellschaftlichen Systemen, in denen ein Jobverlust oft die Existenz bedroht, allerdings oft zur Sicherung des Erreichten und Erworbenen. Eine Entscheidung führt nicht zu einem lebenslangen Vertrag mit sich selbst. Die Berufswahl ist nicht endgültig und unabänderbar, sondern vielmehr eine richtungsweisende und initiale Berufswahl mit Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Vielmehr wird es immer unwahrscheinlicher 30-40 Jahre im erlernten Beruf tätig zu sein.

Der Wandel der Arbeitswelt schreitet exponentiell voran. Wissen wird immer schneller alt und Veränderungen werden normal sein. Das führt dazu, dass man sich ein Leben lang fortbilden und entwickeln kann. Die entwickelten Berufsfelder werden durch Clustertechniken eingegrenzt und sortiert. Die Sortierungen können unterschiedlich sein, sollen aber eine Grundlagen für das weitere Vorgehen abbilden. Visualisierung ist hierbei ein zentraler Aspekt. Eine überschaubare Masse an beruflichen Möglichkeiten soll das Ziel sein. Stehen zu viele Möglichkeiten zur Auswahl, kann beispielsweise eine Ersatzbank geschaffen werden, auf der erst einmal einige Varianten Platz nehmen und sich vorerst mit den Favoriten beschäftigt wird.

Die ausgewählten Berufe und Studiengänge werden nun durch Coaching-Methoden, aber auch durch Videos im Internet, Literatur, Gesprächen mit Unternehmen usw. näher betrachtet und mit dem eigenen Interessen und Werten abgeglichen. Hierbei bewegt man sich in der Folge in die Inter-Perspektive, in der die Zugangsvoraussetzungen betrachtet werden. Stehen nach weiterer Auswahl die Berufe fest, folgt eine Zielüberprüfung, ob die Auswahl tatsächlich die richtige ist. Dazu ist die intraindividuelle Sicht entscheidend. Hierzu können nochmals andere Berufe zum Vergleich herangezogen werden, um die Entscheidung zu manifestieren oder neu zu justieren. Auch Visionsarbeit und das Innere Team sind mögliche Methoden.

Inter-Perspektive

Aus der Inter-Perspektive werden berufliche Optionen im Kontext der Zugangsvoraussetzungen betrachtet. Welche Schulabschlüsse, Noten in bestimmten Fächern, formale Abschlüsse, Zertifikate, beruflichen Erfahrungen aber auch Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale werden gefordert. Sind die Voraussetzungen noch nicht erfüllt, schaut man, ob sie erfüllt werden können und wollen. So können Berufe wegfallen oder erst einmal die Zugangsvoraussetzungen geschaffen werden.

Oder es passt und die beruflichen Optionen bleiben in der Auswahl. Aus dieser Perspektive wird auch die Ausbildungsreife bei jungen Menschen festgestellt. Im Segment der Schlüsselkompetenzen sind hierbei die sozialen und individuellen Kompetenzen entscheidend. Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit sowie Konzentrationsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Motivation sind beispielsweise zu nennen. Im Bereich der Grundkompetenzen sind Mathe- und Deutschkenntnisse sowie die Allgemeinbildung festzustellen, gegebenenfalls auch PC- und Sprachkenntnisse. Ebenso sind körperliche und gesundheitliche Dispositionen in Bezug des ausgewählten Berufes zu überprüfen.

Bei Studiengängen wird geschaut, was die Studieninhalte sind, damit der Student weiß, was auf ihn zukommt und er selbst einschätzen kann, ob der Studiengang für ihn schaffbar ist und dieser seinen beruflichen Vorstellungen entspricht. Wenn es um Erwachsenenbildung, wie Weiterbildungen oder Umschulungen geht, sind die kognitiven Fähigkeiten den Anforderungen des Bildungsganges gegenüberzustellen. Sehr oft werden aus dieser Perspektive erst einmal die Zugangsvoraussetzungen für gewünschte berufliche Optionen geschaffen, es wird ein Zwischenschritt eingelegt.

Wenn klar ist, welche Optionen in der Auswahl bleiben, sollte nochmals eine Zielüberprüfung sattfinden, um zu erfahren, ob die Entscheidung die richtige ist, bzw. die beruflichen Wünsche sich manifestieren. Abschließend ist aus dieser Perspektive zu sagen, dass es einer realistischen Selbsteinschätzung bedarf. Ein sich zu niedrig einschätzen führt zu Ausschlüssen von beruflichen Optionen und ein sich zu hoch einschätzen führt zu Abbrüchen von Aus- und Weiterbildungen sowie Studiengängen oder es kommt zur Kündigung, da man im Beruf überfordert ist. Die Fähigkeit der Selbstreflexion kann mit Coachingmethoden trainiert werden.

System-Perspektive

Aus dieser Perspektive betrachtet man die äußeren Gegebenheiten, welche auf den Beruf, das Studium, die Aus- oder Weiterbildung Einfluss haben. Ist die Vereinbarkeit Beruf und Familie gegeben? Habe ich bei Bildungsgängen ein passendes Lernumfeld? Wie kann ich mir dieses einrichten? Welcher Lerntyp bin ich? Wie kann ich die Bildungsgänge finanzieren, welche Förderung kann ich beantragen? Brauche ich in der Ausbildung Nachhilfe?

Bekomme ich Unterstützung von Menschen aus meinem Umfeld? Welche Durchführungsformen von Bildungsgängen sind günstigsten für mich? Ist der Arbeits- oder Bildungsort gut für mich zu erreichen? Sind private Probleme so gestaltet, dass sie einen ungünstigen Einfluss auf Arbeit, Ausbildung, Studium oder den Bildungsgang haben? Einige dieser Punkte kann man günstig beeinflussen, andere nicht. Es werden günstige und ungünstige Einflussgrößen gegenübergestellt und entschieden, ob das Vorhaben unter diesen Bedingungen schaffbar ist.

Zukunft-Perspektive

Aus der Perspektive der Zukunft betrachtet man die Berufe oder Studienrichtungen auf die kurz-, mittel- und langfristige Tragfähigkeit am Arbeitsmarkt in der präferierten Region sowie die Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Wie hoch ist die Chance mit dem Abschluss einen Job zu bekommen. Und wie sieht es mit den Möglichkeiten in 10 Jahren aus? Dazu kann der Fachkräftemonitor der IHK und der Arbeitsmarktmonitor der Agentur für Arbeit entscheidende Hinweise geben. Es wird immer unwahrscheinlicher 30 oder 40 Jahre im erlernten Beruf tätig zu sein, da sich Branchen und deren Geschäftsfelder schnell ändern.

Neu Technologien, Automatisierung und Digitalisierung verändern Tätigkeitsfelder und ganze Branchen. Ein lebenslanges Lernen wird wichtiger, um aktuell qualifiziert zu sein. Welche Aufstiegsfortbildungen sind mit dem Basis-Abschluss möglich und erstrebenswert? Aus dieser Perspektive wird unter Hilfenahme des Deutschen Qualifizierungsrahmens (DQR) eine Berufswegeplanung mit verschiedenen Optionen entwickelt. Es kann die Entscheidung auf Berufe fallen, welche wahrscheinlich nicht mehr so nachgefragt werden. Dann sollte nach dem Abschluss eine Spezialisierung und Höherqualifizierung erfolgen um die Jobchancen zu erhöhen. Oder man entscheidet sich nach der Betrachtung aus der Zukunftsperspektive für alternativ entwickelte berufliche Optionen.