Das Riemann Thomann Modell

Von Pamela Gustavus - Job & Karriere Coach

Los geht's

Das Riemann-Thomann-Modell

Behandle die anderen so, wie du behandelt werden willst – wirklich?

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir dazu neigen, von uns selbst auszugehen. Wir mögen es, wenn uns Menschen herzlich und offen begegnen? Also verhalten wir uns anderen gegenüber genauso – das gibt die Logik schließlich vor: „Behandle andere so, wie du selbst gerne behandelt werden willst!“ Wenn nun aber unser Gegenüber statt Nähe zu anderen Menschen eher Abstand sucht? Dann fühlt es sich von uns wahrscheinlich überrannt. Wer hat nun recht? Keiner und beide.

Wir haben alle das Bedürfnis nach Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel – nur eben nicht immer zur gleichen Zeit wie unser Gegenüber und im gleichen Maße. Hier setzt das Riemann-Thomann-Model an. Die Basis für dieses Modell legte der deutsche Psychologe Riemann 1975 mit seinem Buch „Die Grundformen der Angst“. Weiterentwickelt wurde es 1988 von dem Schweizer Psychologen Thomann, der den Schwerpunkt nicht mehr auf verschiedene Ängste, sondern vielmehr auf verschiedene Qualitäten legte, nach denen alle Menschen streben: eben Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel.

Diese vier Pole nennt der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun „Die vier Himmelsrichtungen der Seele“. Er beschreibt das Riemann-Thomann-Modell in seinem „Lexikon der Kommunikationspsychologie“. Oftmals sind zwei oder manchmal auch nur eine dieser Ausrichtungen in uns besonders aktiv und bestimmen über unser vorwiegendes Verhalten und Fühlen.

Wer eine starke Ausprägung bei dem Pol Distanz hat, für den sind Werte wie Individualität, Autonomie, Eigenständigkeit, Ruhe, Unabhängigkeit und Freiheit sehr wichtig. Diese Typen sind entschlossen, klar und können sich gut abgrenzen. Ihre größte Angst ist es, in Abhängigkeit zu geraten und das eigene Ich zu verlieren. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Distanz-Menschen häufig kühl und unnahbar wirken.

Menschen mit einer starken Nähe-Ausrichtung hingegen sehnen sich nach Harmonie, Kooperation, Wärme, Verständnis, Verbundenheit und Zuneigung. Sie sind empathisch, herzlich und schaffen gute Beziehungen. Sie fürchten sich vor Einsamkeit, dem Verlassenwerden und vor Isolation. Der problematische Aspekt dieses Pols ist eine mögliche Abhängigkeit von anderen.

Bei einem deutlichen Schwerpunkt auf dem Pol Dauer stehen Qualitäten wie Sicherheit, Ordnung, Organisation, Zuverlässigkeit, Regeln und Struktur im Vordergrund. Dauer-Typen sorgen für Beständigkeit, hohe Qualität und sind ausdauernd. Chaos, Risiken, Kontrollverlust und Veränderungen machen ihnen Angst. Die positiven Eigenschaften können umschlagen in Pedanterie und Sturheit.

Bei Personen, die eine starke Ausprägung im Wechsel-Bereich haben, liegt der Fokus auf Kreativität, Flexibilität, Lebendigkeit, Veränderung, Temperament und Dynamik. Wechsel-Menschen sind charmant, aufgeschlossen und begeisterungsfähig. Sie fürchten sich vor Festlegung, Stillstand und Richtlinien. Hier besteht die Gefahr, unzuverlässig und unsystematisch zu handeln.

Mithilfe des Riemann-Thomann-Tests lässt sich die eigene Präferenz bestimmen und auf einem Koordinatenkreuz visualisieren. Aus den Ausprägungen der vier Ausrichtungen ergibt sich das sogenannte Heimatgebiet: Dieses kann je nach Individuum jede beliebige Form einnehmen und sich über mehrere Quadranten erstrecken. Jemand, der in allen vier Himmelsrichtungen eine hohe Ausprägung hat, hat demzufolge ein größeres Heimatgebiet als eine Person, die nur in einem oder zwei Bereich hohe Werte erreicht. Das Heimatgebiet beinhaltet die Summe der uns zur Verfügung stehenden Verhaltensweisen in verschiedenen Lebensbereichen und Rollen.

Das Riemann-Thomann-Modell lässt sich in ganz vielen verschiedenen Bereichen nutzen: in der Organisationsentwicklung, als Beziehungsmodell im beruflichen oder privaten Kontext und als Persönlichkeitsmodell. Je größer unser Heimatgebiet ist, umso mehr Handlungsalternativen haben wir. Ein größeres Heimatgebiet bedeutet automatisch auch mehr Überschneidungsmöglichkeiten mit den Heimatgebieten anderer Menschen. Das macht es uns leichter, mit Menschen verschiedener Präferenzen zu arbeiten, zu kommunizieren und sie zu führen. Persönliche Entwicklung kann also erfolgen, indem wir versuchen, unser Heimatgebiet zu vergrößern, so dass wir flexibler werden und lernen, aus altbekannten und nicht förderlichen Mustern auszubrechen.

Lassen Sie uns gerne in einem Coaching Ihre Ausprägungen untersuchen, Ihr Heimatgebiet erforschen und überlegen, wie sie es vergrößern können – für situationsgerechtes und authentisches Handeln und Auftreten im Berufsleben und im privaten Umfeld!

P.S. Demnächst lesen Sie in einem weiteren Blogartikel, inwiefern sich das Riemann-Thomann-Modell zur Organisationsentwicklung in Unternehmen und Teams nutzen lässt.